Charlie Haden gemalt
Das Wetter auf der Rückfahrt war herrlich. Es wehte ein sommerlicher Wind, der lässig Wolken dahintreiben liess. Die Wolken wandelten sich, gestalteten sich zu farbigen Schlangen. Die niedrig stehende Abendsonne warf ihre letzten Strahlen und der Himmel war in einem Blau; in einem unmerklich ins Grünliche gehendem Blau.
Wir fuhren ungeduldig die vollgestopfte Autobahn in Richtung Frankfurt, ich auf dem Beifahrersitz, und, ich erinnere mich noch, ich schaute oftmals zum Himmel, in die bläulich-violetten Wolken und dachte auf einmal an ein Album von Charlie Haden & Gonzalo Rubalcaba, komponiert von José Sabre Marroquín & Criz Sabre.
Tags darauf sass ich in meiner sonnigen Wohnung und hörte das Album, das Land of the Sun heisst und 2004 erschienen ist. Ich hörte es anders, angeregt durch die Bilder von der Autofahrt.
Leah, dieses Album wird deine neue Arbeit, hörte ich mich auf einmal zu mir selbst sagen, spürte, wie sehr es mich reizte, die abendlichen Bilder in Bezug zu diesem Album zu bringen, sie rhythmisch neu in Farbtöne zu erfassen und wusste auch auf einmal, ich würde eine grossformatige Leinwand anlegen; mit zehn weiteren kleinen Teilen des Bildes, die als Bildgefüge dem querrechteckigem Format entsprechen, doch später vielleicht durcheinander geraten konnten.
Etwa eine Woche danach fing ich damit an. Erst einmal sollte auf der ganzen Bildfläche die Farbigkeit und Stimmung eines abendlichen Sommerhimmels ausgedrückt werden, ein südlicher Himmel, blau nuanciert, in den das späte Licht der Sonne scheint. Die lang gestreckten, schmalen Wolken übersetzte ich in bewegte, immer wieder unterbrochene Notenlinien, gestaltet in Violett und Rosa. Dazu ein munterer Violinschlüssel, der leicht liegend daherkommt. Auch Elemente der Musik wurden spielerisch hinzugefügt.
Only Dream of Your Love, und Titel wie You Belong to My Heart, diese langsamen Melodien zogen mich an. Da mischte sich geradezu Lyrisches hinein. In dieser Musik höre ich auch immer wieder eine Leichtigkeit. Darüber hinaus sind für mich in den ruhigen Stücken sensible Phrasen, die Raum für Gefühl und Sehnsucht geben. Allein durch ihre melancholischen Wendungen spielen sie in der Sprache des Gefühls.
Wenn Charlie Haden solistisch spielte, wurde ich geradezu beseelt, warm. Denn ich dachte nicht bei ihm. Bei ihm träumte ich, Man träumt und dann malt man ruhig. Die Farben sind aus der Musik herausgefühlt.
Die Musik bestimmte die spontanen Farblasuren. Schicht um Schicht, bis sie sich zu Farbe verwandelten, mein Rhythmus und der Rhytmus der Musik sich verdichteten. Taktweise lebensfrohe Musik, die geradezu in meine Malerei spielte. Farbklänge von Blau, Gelb und Violett suchten eine Harmonie, analog zur Musik.
Als senkrechte Elemente schweben einzelne Noten in meinem Himmel. Und der Musiker und Freund, der mir damals Pat Methenys Goin‘ Ahead geschickt hat, war es auch, der von dem Stück Nostalgia zuerst ein kleines Motiv der Gitarre herausgehört, und es mir dann gemailt hatte. Sein wesentlicher Beitrag zum Bild.
Die zehn kleinen Kompositionen – sie sind zunächst als Ausschnitte einer klaren Abfolge des Bildes geschaffen worden – verändern sich aber nun, suchen sich ihre Titel in diesem Album neu.
Dort, wo die Sonne untergeht, habe ich Charlie Haden platziert. Mit dem Bassschlüssel verband ich die Sonne. Charlie Haden spielt die Sonne.
Und eben denke ich mit einem kleinen Lachen, wahrscheinlich ist Charlie Haden jetzt dort.
Leah Rudolph, Frankfurt am Main, November 2022











