Von Pat Metheny zu Keith Jarrett
Man muss sich vor Augen halten, was bei dem Live-Konzert von Keith Jarrett 1975 im Kölner Opernhaus passierte. Da stand ein miserabler Flügel auf der Bühne und er spielte (improvisierte?) einfach frei, was auf dem Instrument möglich war.
Ein Ausnahmemusiker ist er – und ich – sehe mich als Zwanzigjährige – wie ich sein brillantes Album »The Köln Concert« gehört habe, wie viele meiner Generation, und es wurde rasch eines meiner Lieblingsalbem. Auch aus diesem Grund wählte ich dieses Album, um mich, Jahrzehnte später, auf meine bilderische Arbeit mit Keith Jarrett vorzubereiten.
An einem späten Nachmittag im Frühjar 2021 sass ich in meinem Atelierraum, blickte aus einem der offenen Fenster, hörte das Album, und wusste schon nach wenigen Takten, dass ich mit einem der Stücke aus diesem Album beginnen würde. Er spielte weiter und ich dachte mir, in meiner Bilderserie könnten es doch vor allem Titel aus seinen Live-Alben sein.
Ich hatte noch keine Vorstellung, natürlich nicht, wie ich in meinen Bildern seine Musik ausdrücken wollte, war aber sicher, ein Gespür für sein Klavierspiel zu entwickeln; glaubte auch, ich würde mit der Zeit dem Menschen Keith Jarrett nahe kommen.
Doch so war es nicht. Hier war kein selbstversunkenes Arbeiten, wie bei Brad Mehldau, der mich mit seinen suggestiven Tönen anrührte, oder wie bei Pat Metheny, der mich mitriss, mit seinem warmen Gitarrensound, seinen sinnlichen Rhythmen. Getragen von ihrer Musik malte ich und dachte beim Malen nicht. Ich sah Farben und Formen, wusste intuitiv, wie sich das Bild entwickeln würde. Takt für Takt. Ja, und in meiner Innenwelt entwickelte sich eine kindliche Vertrautheit. Für mich waren die beiden durch ihre Musik selbst zugegen. Ich bin überzeugt, deshalb erspürte ich sie auch als Menschen; allein durch ihre Musik hindurch.
Keith Jarrett aber blieb mir fremd, abweisend schien er. Und zwar gerade dann, wenn ich dachte, dass es mir gelingen könnte, mich bildnerisch seiner Musik zu nähern. Verweigerte er sich mir?
Er forderte mich. Obwohl ich mich mit diesem Pianisten monatelang jeden Tag stundenlang auseinandergesetzt hatte, fand ich nur schwer einen Weg, seine Musiklandschaften in Leinwandbilder zu übersetzen. Mir kam nur Blau. Immer wieder ordnete ich seiner Musik Blau zu; trug – in meinem meditativen Malverfahren – rhythmisch lasierende Blautöne auf, die sich hell zusammenmischten, mischte manchmal ein Rot und Gelb dazu. Dadurch entstanden abstrakte Wolkenformationen in einem impressionistischen Blau.
Je länger Zeit verstrich, umso deutlicher fühlte ich, zwischen ihm und mir, zwischen seinem konzentrierten Klavierspel und meiner Arbeit würde sich kein Verhältnis, kein innerer Prozess entwickeln. Kein Geben und Nehmen. Er blieb hinter seiner Musik und ich drang nicht vor. Ich überlegte sogar, aufzugeben, sagte, ich kann nicht malen.
Doch ich habe nicht kapituliert. Ich kämpfte, rang um farbige Schichten, die ausdrücken sollten, welche Interpretationen seine musikalischen Klangräume mir entlockt hatten.
Drei Bilder mochten mir nicht gelingen. Sie wurden nicht lebendig auf ihrer Leinwand, sondern blieben ohne Ausdruck. Das hatte zur Folge, dass ich sie aus der Bilderserie genommen und zerstört habe.
Doch, was soll’s. Die sieben, welche ich zusammenstellte, sind zwar nicht viele, sind für mich aber aus seiner Musik heraus geworden. Ausserdem erhielten zwei Bilder grössere Formate. Sie zeigen nicht nur einen Titel sondern das ganze Live-Album.
Ich kann heute sagen, ich habe eine Ahnung von seiner Liebe zur Musik. Und die lange Arbeit erlaubt mir, zu sagen, dass Keith Jarrett eine Musik spielt, die Welt wird; seine Welt.
Leah Rudolph, Frankfurt am Main, Januar 2022







